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Stand: 28.09.2018
  • 18. Dezember 2018

    17:00 Uhr - 20:00 Uhr

Rückschau: Lesung Internationaler Tag der Migranten

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Lesung "Human Libraries/Living Books"

Internationaler Tag der Migrant/innen. Migrantinnen lesen zum Thema "Fremd(e)" vor.

LESUNG DER IN VIA-LEBENDIGEN BIBLIOTHEK IN REGENSBURG, 18.12.2018

Von Marina Jaciuk, Koordination "IN VIA-Lebendige Bibliothek"/MIND

Was ist dieses geheimnisvolle runde Ding, das auf einmal in der Stadt der Tiere auftaucht und jeden Tag eine andere Farbe nimmt? Die Tiere sind ratlos, sie nennen es "O" aber eigentlich wissen sie nicht genau, was das ist, wieso es erschienen ist und wofür das Ding gut sein sollte. Nur eine Sache ist gewiss: "O" ist für sie fremd und sie haben Angst davor. Mit dieser Erzählung startete die Autorin Jamile do Carmo die Lesung der IN VIA-Lebendigen Bibliothek in Regensburg und brachte die TeilnehmerInnen zum Überlegen und Erraten.

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Die Autorinnen der IN VIA-Lebendigen Bibliothek wurden von IN VIA Regensburg anlässlich des Internationalen Tag der MigrantInnen eingeladen. Thema der Lesung war "Fremd(e)", was dabei aus verschiedenen Perspektiven vorgestellt, interpretiert und diskutiert wurde. Die interaktive Erzählung "O" von Jamile de Carmo war einen guten Einstieg zu der Frage, was ist das Fremde überhaupt und wie gehen wir als Gesellschaft damit um. Das vielfältige Publikum - Männer und Frauen, jüngere und ältere Genrationen, von "hier" und "dort" - machte toll mit: die Zuhörer erstaunten, reflektierten, lachten, stellten Fragen, diskutierten.

 

Tching Tchang Tchong

Mit dem Text "Tching Tchang Tchong" teilte die Autorin Uie Liang-Liou ihre Fremdheitserfahrung mit der Fremdheitserfahrung von Anderen: Als Chinesin wurde sie in Deutschland oft mit der sinnlosen Wortkomposition "Tching Tchang Tchong" "begrüßt". Nur ihr "Einblick" war Einlass genug, damit der Andere diesen für sie "witzigen" Spruch losließ. Sie berichtete, diese Situation war aber für sie gar nicht witzig. Vor allem am Anfang fühlte es sich eher wie eine Beleidigung für die Autorin. Im Laufe der Jahre lernte sie aber, mit dieser Situation anders umzugehen. Zentrale Aspekte in der Debatte nach dem Text

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von Uie-Liang Liou waren das Thema der Reaktionen, die das Fremde verursacht, der rassistischen Beleidigungen im Alltag und der Intentionen. In der Erinnerung vieler TeilnehmerInnen kam das Kinderlied "Tching Tchang Tchong" in Erinnerung, die gar nicht mit rassistischen Beleidigungen in Verbindung gebracht wurde. Im Publikum war das Erkenntnis klar: Unsere Sozialisation ist voll mit vereinfachenden Formeln, die versuchen, das Fremde zu fassen, zu benennen, zu erklären und zu kategorisieren. Aber auch wenn dahinter keine "böse" Intention der Diskriminierung steckt, Fremdheit lebt von zwei Seiten, und was witzig und sogar naiv für die eine Seite ist, so ist es aber für die andere Seite nicht. Empathie ist dann gefragt: Wie fühlt sich eigentlich der Andere?

Fremde aus der Heimat

Der Schluss der Lesung kam mit dem Text "Fremd" von Ruzanna Isoyan. Dabei berichtete die Autorin über eine konkrete Situation, in der sie im Rahmen ihrer Arbeit eine aus Syrien gefluchtete Frau beim Behördengang begleitete und dabei auf zwei männliche Landsmänner aus Armenien traf. Wo und wie erschien in dieser Situation die Fremdheit? Auf welcher Seite positionierte sich das Fremde? Fremd war auf keinem Fall die Frau aus Syrien, die im Laufe der Zeit zu einer wahren Freundin von Ruzanna geworden ist. Fremd waren die Männer aus dem eigenen Land gewesen, die mit ihrem Verhalten und ihr machomäßigen Auftreten eine Distanzhaltung aus Seite der Autorin verursachten. Dabei erinnerte sie sich, dass das Gefühl, selbst fremd zu sein, nicht in Deutschland entstanden ist, sondern im eigenen Land: Machismo und patriarchalische Strukturen waren ihr fremd. "Nationale Zugehörigkeit" bedeutet eben nicht immer die ultimative Grenze zwischen "Wir" und "Ihr", zwischen Eigenem und Fremden. 

Herzliche Einladung! 

Beim netten Empfang nach der Lesung diskutierten die TeilnehmerInnen mit den Autorinnen weiter. Die TeilnehmerInnen waren von der Lesung begeistert: "Eine erleuchtende Erfahrung" sagte eine der TeilnehmerInnen zu mir. Zentrale Erkenntnis dabei war, dass Fremdheit einfach konstitutiv jeder Gesellschaft ist, dennoch ist nicht immer etwas das einfach aus dem Ausland kommt … das Fremde ist, wie "O": es ändert sich ständig, es ist situativ und relational, es hat keinen "Kern" oder "Natur". Und wenn wir den Schritt in seine Richtung machen, uns damit beschäftigen und es sogar aneignen … verschwindet es! Aber was passierte es eigentlich mit "O"? Auf einmal öffnete sich das kugelartige Ding und offenbarte ihr Geheimnis … was war es? Das erfahren Sie vielleicht bei der nächsten Lesung der Lebendigen Bibliothek! 

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