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Stand: 28.01.2016

Reportage

Gelungene Inklusion

Blickwechsel: Die etwas andere Stadtführung

Mann liest ab und hält VortragHelmut Blaha im Innenhof des Alten Schlosses.Ulrike Seifart

Schwer und grau hängen die Wolken über Stuttgarts Innenstadt. Wenig einladend wirkt die schwäbische Metropole an diesem Januarmorgen. Erika Distler (57) und Helmut Blaha (52) kann das triste Wetter nichts anhaben. Gut gelaunt und entspannt warten sie im Innenhof des Alten Schlosses auf ihre Gäste, die beiden sind Stadtführerin und Stadtführer. Nach einer kurzen Begrüßung geht es los, Helmut Blaha übernimmt und erzählt die Geschichte des Alten Schlosses, streut einige Anekdoten und viel Wissenswertes ein. Er berichtet von einem verheerenden Brand und über Herzog Eberhard Ludwig, der täglich seine Mätresse besuchte.

Einen anderen Blick auf die Dinge ermöglichen

Eine klassische Stadtführung also, wie man sie auch aus anderen Städten kennt. Und doch ist etwas anders: Blaha orientiert sich in seinem Vortrag an einem Mäppchen, das er fest in der Hand hält. Immer wieder fällt sein Blick darauf, manchmal stockt er und sucht nach Worten. Und überhaupt ist sein Auftreten nicht so selbstsicher und die Stimme nicht so voluminös, wie man es oft von Stadtführern gewohnt ist. Helmut Blaha und Erika Distler sind Menschen mit geistiger Behinderung. Im Projekt "Blickwechsel" der Caritas Stuttgart konnten sie an einer Ausbildung zum Stadtführer teilnehmen, und seit 2010 führen sie nun Touristen, Schulklassen, Firmen und Gruppen mit und ohne Behinderung durch Stuttgarts City.

"Wir werden gut gebucht. Etwa 20 bis 30 Führungen machen wir pro Jahr", erklärt Andrea Dikel (54), die als Leiterin des Projekts immer bei den Führungen dabei ist. Sie hatte auch die Idee dazu: "Ich fand es immer schon spannend, mit Menschen mit Behinderung unterwegs zu sein. Mir ermöglicht das einen anderen Blick auf die Dinge. Durch die Langsamkeit sieht man zwar weniger, aber das intensiver oder anders."

Das Selbstvertrauen wächst mit der Ausbildung

Vier Personen mit orangen TaschenNachahmenswerte Idee: Menschen mit geistiger Behinderung können sich in Stuttgart zu Stadtführer(inne)n ausbilden lassen.Andrea Dikel

Der Teil der Führung von Helmut Blaha ist fertig und Erika Distler übernimmt. Beide haben einen oder mehrere Parts zum Vortragen, je nach kognitiven Möglichkeiten. Über altes, regennass glänzendes Kopfsteinpflaster führt Distler die Gruppe zum Schillerplatz und zur Markthalle, berichtet über Historie und Legenden. Wie Blaha nimmt sie ein Mäppchen zur Hilfe, in dem steht, was sie sagen möchte und muss. Wenn sie den Faden verliert, springt Andrea Dikel ihr zur Seite.  

Den Faden halten, eine Geschichte sinngebend und zusammenhängend erzählen, genau das sei auch die größte Herausforderung in der Ausbildung gewesen, erzählt die Projektleiterin. Unterstützt wurden sie im Kurs von einer Sprachtrainerin und einer Stadtführerin. "Die Ausbildung war schon manchmal etwas hart, vor allem das Sprechenüben", erinnert sich Blaha. Aber das sei auch ein echter Ansporn gewesen, denn er sei immer sicherer geworden.

Zwei Frauen stehen beieinanderBestens gelaunt wartet Erika Distler auf ihren Einsatz als Gästeführerin.Ulrike Seifart

Erika Distler stimmt ihrem Kollegen zu: "Seitdem ich die Ausbildung habe, gehe ich auch mal auf andere zu und traue mich etwas." Wenn sie heute Menschen in der Stadt sieht, die sich mit einem Stadtplan abmühen, dann bietet sie ihre Hilfe an.

"Sie haben sich an ihrer Rolle als Gästeführer innerlich aufgerichtet. Sie wissen jetzt: Sie können etwas und sie sind wer", bringt Dikel es auf den Punkt. Und genau das sei auch das Ziel des Projekts, dessen Name Programm ist. Denn es will Menschen mit Behinderung eine andere Rolle ermöglichen als die, die sie sonst oft innehaben: von Empfangenden hin zu Gebenden. "Es soll ein Austausch auf Augenhöhe sein. Darum der Name Blickwechsel."

Herzlich anders, unverstellt schön

Wir sind am Ende der Tour angelangt. Ausgestattet mit allerlei Wissen über Stuttgart und vielen neuen Eindrücken. Gibt es denn einen Vorteil gegenüber einer klassischen Führung? Für die Gruppe heute ist es ganz klar die herzliche, unverstellte und persönliche Art der beiden Gästeführer, die sichtlich Freude an ihrer Arbeit haben. Immer wieder müssen die über ihre eigenen Erzählungen schmunzeln, während der Tour wird viel gelacht. Es läuft nicht aalglatt, sondern individuell und in einer angenehmen Langsamkeit, in der Zeit zum Innehalten bleibt. Es ist beinahe so, als würden Freunde einen führen. Wie kann sich eine Stadt besser erschließen?


Infos zum Projekt:

Seit 2007 hat die Bildungs- und Begegnungsstätte TREFFPUNKT der Caritas Stuttgart das Projekt "Blickwechsel" im Angebot. Darin können sich Menschen mit geistiger Behinderung zur Stadtführerin, zum Stadtführer ausbilden lassen. Zwei Kurse mit insgesamt 15 Teilnehmenden fanden bisher statt.

Menschengruppe bei Stadtführung steht auf großem Platz "Das Besondere an unseren Führungen ist unsere Art des Erzählens."Andrea Dikel

 

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Eine dunkelhäutige Familie in einer KindereinrichtungWer neu nach Deutschland kommt hat viele Fragen. DCV/KNA Harald Oppitz

Bundesweit berät die Caritas an 220 Orten erwachsene Zuwanderer über 27 Jahre. Für Jugendliche zwischen zwölf und 27 Jahren sind die rund 100 Jugendmigrationsdienste (JMD) der Caritas Ansprechpartner. Daneben gibt es an etwa 144 Orten eine spezielle Beratung für Flüchtlinge, Menschen, die illegal in Deutschland leben oder geduldet sind. 

Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, haben in Deutschland neben der normalen Existenzsicherung ein ganzes Bündel von zusätzlichen Fragen, Damit kommen sie  zur Migrationsberatung. Es geht um Aufenthalts- und Asylrecht, Flüchtlingsstatus und Duldung, Familienzusammenführung, Behandlung von Gewalttraumata, Arbeitserlaubnis, Wohnungssuche oder Einbürgerung. Gerade weil ihr Leben nicht geradlinig verläuft, häufen sich die Probleme. Hier einige Beispiele aus der Praxis:

  • Werden meine Berufsabschlüsse aus Kasachstan anerkannt? 
  • Ich bin wegen meines deutschen Mannes aus der Türkei gekommen und nun steht die Ehe kurz vor der Scheidung - muss ich Deutschland verlassen, weil ich kein eigenes Aufenthaltsrecht habe? 
  • Ich bin vor vielen Jahren dem bosnischen Bürgerkrieg entflohen, bekomme eine Duldung nach der nächsten, aber was ich eigentlich brauche, ist eine berufliche Perspektive um meine Tochter und mich ernähren zu können. 
  • Ich habe meinen Integrationskurs abgebrochen, weil es zu schwierig war. Habe ich dadurch Nachteile und kann ich abgeschoben werden? 
  • Bekomme ich als Flüchtling Hartz IV und was heißt das?
  • Wo kann mein Kind Nachhilfe bekommen?
  • Ich suche einen Ausbildungsplatz, wie geht das in Deutschland?

Gemeinsam mit den Ratsuchenden versuchen die Beraterinnen und Berater Schritt für Schritt Lösungen zu erarbeiten. Hilfreich ist, dass die Beratungsstellen meist in kommunale Integrationsnetze eingebunden sind und Kontakte zu Behörden, Jobcentern, Rechtsanwälten oder Familienberatungsstellen haben. Auch wer sich entscheidet, in sein Heimatland zurück zu kehren, bekommt Rat und Hilfe.

Kultur und Begegnung ermöglichen

Die Migrationsberatungsstellen schulen und qualifizieren ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, sie organisieren Gesprächskreise für Migranten und veranstalten Kultur- und Bildungsangebote. Behörden, Betriebe, Verbände, Vereine und Kirchengemeinden werden von den Beraterinnen und Beratern unterstützt, wenn sie sich auf die Vielfalt der Menschen, die zu ihnen kommen, besser einstellen wollen.

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