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Stand: 28.01.2016

Sozialcourage

Anerkennungsgesetz

Fachleute jetzt willkommen

Denis Novikov"Lern Deutsch und komm wieder": Diesen Rat bekam Denis Novikov von seinem künftigen Chef.Evelyn Dragan; plainpicture/Georg Lenzs

"Arbeit als Postzusteller macht nicht Spaß für mich", erklärt Denis Novikov, 35, warum er bei der Caritas in Koblenz Hilfe suchte und fand. Er hat ja einen richtigen Beruf, war ausgebildeter Betriebselektriker in einer Baustofffabrik. Bevor er die alte Heimat in Kasachstan 2010 für immer verließ.

Seine Frau als Spätaussiedlerin fasste schnell Fuß in Deutschland, er tat sich schwer mit der fremden Sprache. Aber er ist eifrig und macht nach sechs Wochen Deutschkurs die Prüfung auf Sprachlevel A2, schriftlich schafft er B1 und – noch einmal 300 Stunden gebüffelt – auch mündlich B1. Währenddessen war er rege und arbeitete, wo er konnte, zuerst als Postzusteller. Weil er eifrig und hilfsbereit war, kamen neben dem Lob und den Bitten der Kollegen, ihnen Zustellungen abzunehmen, schnell Punkte beim Flensburger Verkehrsregister zusammen. Das war auch kein Spaß.

Lern Deutsch und komm wieder

Novikov fand eine andere Arbeit als Elektromonteur für eine Zeitarbeitsfirma – nur nicht für ein angemessenes Gehalt. Aber er war so gut, dass er dem Auftraggeber der Zeitagentur auffiel. Der Chef stellte ihn in eine Halle, in der Anlagen zu montieren waren, und sagte: "Mach mal." Als er nach zwei Stunden wieder vorbeikam, war Novikov fertig. Zwei fest angestellte Kollegen auf der anderen Seite waren noch mittendrin. Immerhin riet ihm einer, er solle sich doch die offensichtliche Qualifikation auch in Deutschland anerkennen lassen. Der Chef sagte: "Lern Deutsch und komm wieder."

Nun hat Novikov es geschafft. Dank hellwacher Caritasmitarbeiter wie Irina Mertens und Yassin Attaoua aus dem Bereich Migrationsberatung. Sie sind im Rahmen eines zweijährigen Projektes an die IQ-Anerkennungsberatung in Koblenz quasi "ausgeliehen" und für die Beratung zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen zuständig. Ein 2012 neu erlassenes Gesetz erteilt allen Ausländern – unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Herkunft – den Rechtsanspruch, Berufs- und Studienabschluss auf Gleichwertigkeit in Deutschland hin prüfen zu lassen (mehr Infos unter www.anerkennung-in-deutschland.de).

Damit nicht mehr der Chirurg Taxi fährt

Porträt von Frau Die Caritas berät nicht nur Inhaber von Mangelberufen.Evelyn Dragan / Hans Jürgen Landes

Hintergrund war die Einsicht der Politik, dass man angesichts der Geburtenrückgänge mittelfristig auf Ärzte, IT-Fachleute, Experten und Hochqualifizierte, aber auch Handwerker dringend angewiesen sein wird. Nur EU-Ausländer, Japaner, Koreaner, Schweizer und Israelis konnten hier zuvor im angestammten Beruf tätig werden.

Nun sind Fremde mit sogenannten "Mangelberufen" – dazu zählen auch Pflegeberufe, Elektriker und andere Handwerker – hier willkommen. Zeugnisse, Dokumente, aber auch praktische Fähigkeiten werden geprüft und anerkannt. Fehlende Teilqualifikationen sollen problemlos nachgeholt werden können, damit nicht mehr der Chirurg Taxi fährt und die Bauingenieurin Hamburger verkauft.

Hürden der Anerkennung

Die berufliche Anerkennung beantragen überwiegend Frauen, berichtet Irina Mertens. Die Hälfte ihrer Klienten kann einen Hochschulabschluss aufweisen. Jobcenter und Sozialamt in Koblenz sehen stets die individuelle Lage und entscheiden im Einzelfall. Manchmal übernehmen sie kulant Kosten für Kurse und Nachqualifikation. Bei Jan Jan (Name geändert) aus Syrien hat das leider nicht geklappt. Der 29-Jährige ist Mediziner, er braucht nur noch die Approbation sowie die Facharztspezialisierung. Berufserfahrung muss er noch nachweisen, was wegen des Bürgerkriegs und der Situation seiner Familie daheim in Damaskus sehr schwierig ist: Er ist praktisch ohne Dokumente Hals über Kopf den Häschern entwischt. Er hat eine Aufenthaltserlaubnis, aber den Deutschkurs für das Sprachlevel B2 in Höhe von 600 Euro plus die Monatsfahrkarte für 105 Euro muss sich Jan Jan vom schmalen Hartz-IV-Unterstützungssatz abknapsen. Eigentlich sollte er Kontakt zum Beruf halten. Er darf aber nur fern der Medizin arbeiten.

Porträt von Herrn HladoDr. Volodymyr Hlado bekam seinen ukrainischen Ingenieursabschluss anerkannt. Was ihm fehlt: ehrenamtliche Sprachpaten, die vielleicht selbst als Techniker oder Ingenieur tätig waren.Evelyn Dragan / Hans Jürgen Landes

Viele Bewerber bräuchten eigentlich nur ein kleines Stück Nachqualifikation: Das entsprechende Modul aber gibt es oft gar nicht oder es ist als gewerbliches Angebot leider viel zu teuer. Der Staat fördert den Kurs zu Sprachlevel B1, aber alle Stellenbewerber brauchen mindestens B2. Und leider sind alle Fachleute bei den IQ-Netzwerkstellen – wie Herr Attaoua und Frau Mertens bei der Caritas Koblenz – nur im Rahmen eines Projektes tätig, das im Dezember 2014 zu Ende geht. Ob es dann weitergeht, ob erfolgreich weiter beraten werden darf – man weiß es noch nicht.

Noch eine gute Nachricht zum Schluss: Jan Jan kann ein dreimonatiges Praktikum im katholischen St. Elisabeth-Krankenhaus in Neuwied machen.

Selbst erlebt

Integrationskurse

Der Schlüssel zur Arbeit

Flüchtling mit CaritashelferinDer Besuch von Integrationskursen hilft in Deutschland zurecht zu kommen.Deutscher Caritasverband / Fotograf: Harald Oppitz

"Wir wollten, dass unsere Kinder in Deutschland aufwachsen. Deshalb sind wir seit 2008 hier. Ich habe eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Irgendwann will ich mal deutscher Staatsbürger werden. Aber damit habe ich es nicht eilig. In Mexiko habe ich als studierter Kommunikationswissenschaftler in einer Werbeagentur gearbeitet.
Als ich hier ankam, hatte ich zunächst keine Arbeit. Ich wollte meinen Tag strukturieren und meine Zeit nutzen, um Deutsch zu lernen. Das ist der Schlüssel, um eine Arbeitsstelle zu finden. Ich erfuhr von den Integrationskursen und wusste gar nicht, dass ich einen machen musste, weil ich kein Deutsch sprach. Ich hätte mich ohnehin darum bemüht, weil er der billigste Deutschkurs war, den ich bekommen konnte. Pro Stunde musste ich einen Euro bezahlen. Die Ausländerbehörde stellte mir eine Teilnahmeberechtigung aus. 

Ein Jahr lang Deutsch lernen
Ich besuchte einen Kurs bei der Volkshochschule. Er umfasste 645 Unterrichtsstunden und dauerte ungefähr ein Jahr, täglich drei Stunden lang. Am Anfang waren wir etwa 20 Personen. Aber nicht alle haben den Kurs zu Ende gemacht. Es waren Türken, Araber, Russen, Afrikaner und Leute aus den Balkanstaaten dabei. Sie brachten sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit: Manche hatten studiert, auch eine Ärztin war dabei. Andere hatten nur eine geringe Schulbildung. Für sie ist es sehr schwer Deutsch zu lernen. Einige, die dazu verpflichtet waren, hatten gar keine Motivation. Es wäre gut, die Kurse in unterschiedlichen Niveaus anzubieten. Die Dozenten hatten sehr viel Geduld und haben sich große Mühe gegeben.

Am Ende steht die Zertifizierung
Am Ende der Sprachkurseinheiten musste ich eine mündliche und eine schriftliche Prüfung machen. Eine Aufgabe war, einen Brief zu schreiben. Danach kam noch ein Orientierungskurs, in dem ich etwas über deutsche Geschichte gelernt habe und wie der deutsche Staat und die Gesellschaft funktionieren. Auch daran schloss sich eine Prüfung an. Beide habe ich bestanden, und ich bekam ein Zertifikat. Jetzt mache ich noch einen berufsbezogenen Integrationskurs."

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