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Stand: 07.09.2018

Pressemitteilung

Gesund führen

In die soziale Arbeit und Pflege muss man sich als Person einbringen

Herrn Dr. Gerhardinger Herrn Dr. Gerhardinger

Dr. Stefan Gerhardinger ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut. Er leitet den Sozialpsychiatrische Dienst der Caritas in Weiden. Gerhardinger führt die Qualifizierungskurse des ESF-Projekts "Gesund führen" in München und Regensburg durch, das Führungskräfte für eine "gesunde Führung" sensibilisieren und Gefahrenquellen für Burn out in der Arbeit ebenso aufzeigen soll wie Vermeidungsstrategien. Nach den beiden ersten Veranstaltungen gibt er eine Einschätzung.

Frage: Wie kamen Sie zum Projekt "Gesund führen"?

Gerhardinger: Ich bin mit der Thematik seit langem im Sozialpsychiatrischen Dienst vertraut. Zu uns kommen Menschen, die Probleme an ihrem Arbeitsplatz haben, aus allen Branchen, allen sozialen Schichten mit vielen Krankheitsbildern.

Auch aus dem Sozialbereich?

Ja. Ärzte, Sozialpädagogen, Erzieherinnen, Pflegekräfte. Die Sozialberufe zählen nach meiner Erfahrung zu den gefährdetsten Berufen für Burnout und ähnliche Erkrankungen. Gerade die wohlmeinenden Gutmenschen drängen in diese Berufe, verbeißen sich dann in die Arbeit, und man teilt sie ihnen ungeniert zu. In wenigen Branchen gibt es so viele nach oben hin offene Arbeitsaufträge. Das kann liegen an Fehlern im Führungsverhalten, aber auch an dem durch die Kostenträger verursachten Druck, in kürzester Zeit möglichst viele Menschen zu beraten, zu pflegen, zu betreuen. Und: In die soziale Arbeit und Pflege muss man sich als Person einbringen, da muss man nicht einfach eine Maschine bedienen oder am PC konstruieren. Das kostet viel Kraft.

Bringt nicht jeder auch sein Päckchen aus seiner Biographie und von zu Hause in die Arbeit mit?

Natürlich. Wenn zwei durch den Regen gehen, kriegt der eine Schnupfen, der andere nicht. Nicht alle werden ja in und durch die Arbeit krank. Manche ertragen die psychischen Belastungen, andere nicht. Manche können sie psychisch managen, andere nicht.

Die ersten Veranstaltungen der Qualifizierungskurse in München und Regensburg mit knapp 40 Führungskräften haben Sie hinter sich. Ein erstes Resümee?

Da kam fast ein ganzes psychiatrisches Lehrbuch zur Sprache. Mit Problemen wie Depressionen, Psychosen, Schlafstörungen, Sucht, Ängste, Essstörungen oder Burn out ihrer Mitarbeitenden waren alle Führungskräfte schon konfrontiert. Zwischen zehn und 30 Prozent ihrer Mitarbeitenden, schätzen sie, können zumindest zeitweise als psychisch angeschlagen gelten. Und das wirkt sich nicht nur auf die psychische Gesundheit der Einzelnen, sondern auch auf ihr Verhalten in der Arbeit aus. Auch hier haben die Führungskräfte eine ganze Litanei von unterschiedlichen Reaktionen aufgezählt: verminderte Leistungsfähigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Dienst nach Vorschrift, Zynismus auch gegenüber Klienten, immer mehr Krankheitstage, längere Krankheitszeiten.

Und die Ursachen?

Unklare Arbeitsaufträge, schlechte Organisation, ständige Überforderung, Mobbing, ständige Erreichbarkeit gehören dazu. Aber, ich wiederhole mich: Nicht an allem ist die Arbeit allein schuld. Natürlich bringt jeder auch sein Päckchen mit in die Arbeit.

Was möchten Sie mit dem Projekt "Gesund führen" erreichen?

Einmal die teilnehmenden Führungskräfte für die Thematik allgemein sensibilisieren Zweitens sie für ihre eigene Gesundheit sensibler machen. Drittens, ihnen die Gefahrenquellen in der Arbeit aufzeigen. Viertens, gemeinsam erarbeiten, welche Handlungsspielräume, Ressourcen es gibt. Welche Persönlichkeitsstrategien Erfolg versprechend sind. Welche Strukturen verändert werden können, damit gesunde Führung und gesundes Arbeiten greifen können.

Bernd Hein
Referat für Öffentlichkeitsarbeit
und Sozialpolitik
Deutscher Caritasverband
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