Rund 100 Fachkräfte aus Jugendsozialarbeit und Arbeitsmarktpolitik haben sich bei einem Fachtag in München zu Handlungsempfehlungen und Maßnahmen aus den Erkenntnissen der Studie "Arbeit lohnt sich immer!?" beschäftigt. Die Studie nimmt ganz bewusst die Perspektive langzeitarbeitsloser Menschen in den Blick, um die Hintergründe und Rahmenbedingungen von Langzeitarbeitslosigkeit zu beleuchten und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Barbara Klamt, Geschäftsführung der ejsa Bayern e. V., eine der Veranstalterinnen des Fachtags, betonte, dass die Überwindung von Langzeitarbeitslosigkeit nicht nur in der Verantwortung der Betroffenen liege: "Die Vorstellung, dass allein Geld der entscheidende Motivator sei, widerspricht den Erfahrungen vieler Fachkräfte. Menschen wollen arbeiten, teilhaben, gestalten - aber sie brauchen Rahmenbedingungen, die den Übergang in Arbeit ermöglichen."
Rebecca Lo Bello und Prof. Franz Schultheis, Mitautoren der Studie "Arbeit lohnt sich immer!?", stellten zunächst die wichtigsten Ergebnisse vor. Wichtig sei zu differenzieren, so Franz Schultheis: "Wenn tausend individuelle Wege in die Arbeitslosigkeit führen, so muss es auch tausend Wege hinausgeben. Die Studie ist ein Plädoyer, endlich ernst zu machen mit der vielbeschworenen Passgenauigkeit und Fallarbeit." Rebecca Lo Bello wies auf eine Ambivalenz von Langzeitarbeitslosen bzgl. eines Arbeitsmarkteinstiegs hin: "Wenn Langzeitarbeitslose zögern, eine Arbeit aufzunehmen, liegt das nicht in ‚Faulheit‘ begründet, sondern in Unsicherheiten, Ängsten und schlechten Erfahrungen. Besonders schwer wiegen die Angst zu scheitern, das Gefühl, in der Arbeitswelt nicht mitzukommen, das Risiko erneut in prekären Lagen zu landen, und die damit verbundene Lage, die Reste der vertrauten Strukturen, beispielsweise in Beschäftigungsmaßnahmen, auch noch zu verlieren."
Prof. Hermann Sollfrank, Direktor des Caritasverbands für die Erzdiözese München und Freising, spannte den Bogen weiter: "Wer die Soziale Marktwirtschaft und die Demokratie wirksam verteidigen will, muss auch den Blick auf die Ränder richten - dorthin, wo Menschen das Gefühl haben, nicht mehr gehört zu werden, nicht mehr mitzuzählen. Langzeitarbeitslose gehören oft genau zu diesen Gruppen. Dabei geht es um mehr als ökonomische Kennzahlen. Es geht um Respekt. Um Empathie. Um die Anerkennung der unantastbaren Würde jedes einzelnen Menschen - unabhängig davon, wie gut oder schlecht er oder sie aktuell auf dem Arbeitsmarkt "verwertbar" ist."
Barbara Klamt, Geschäftsführung der ejsa Bayern, forderte im weiteren Verlauf des Fachtags die Maßnahmen für junge Langzeitarbeitslose weiter zu konkretisieren: "Gerade für junge Menschen steht nicht so sehr die existentiellen Fragen im Vordergrund, sondern Kommunikations- und Beziehungsfragen, die junge Menschen geradezu lähmen. Hier anzusetzen ist für uns ein wichtiges Anliegen. Dabei könnte auch der Leistungsträger hier sehr unkompliziert und - ganz wichtig - auch kostengünstig unterstützen, beispielsweise dadurch, dass Ansprüche nicht unmittelbar verfallen und die Menschen, sollten sie in der Probezeit scheitern, direkt wieder in den Leistungsbezug kommen können, ohne aufwändige Prüfungsverfahren oder Neubeantragung. Etwas aufwändiger ist sicherlich, Langzeitarbeitslose im Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt zu begleiten: Kontakte zu Arbeitsgebern herstellen, mit den Langzeitarbeitslosen zu reflektieren, Ansprechpartner für Probleme zu sein und nach Lösungen gemeinsam mit dem Arbeitgeber zu suchen."
Der Fachtag war eine Kooperationsveranstaltung von Diakonischem Werk, Evangelischer Jugendsozialarbeit, Landes-Caritasverband und Katholischer Jugendsozialarbeit Bayern. Die Studie steht frei zum Download im Internet bereit unter https://arbeit-lohnt-sich-immer.de/images/pdf/Arbeit-lohnt-sich-immer_Studie.pdf