München. Die bayerische
Caritas will sich verstärkt in der Betrieblichen Suchtprävention
für junge Menschen engagieren. Das gab
Landes-
Caritasdirektor
Prälat Karl-Heinz
Zerrle
bei einer Informationsveranstaltung mit 60
Vertretern aus Betrieben in München bekannt. Gemeinsam mit dem BKK
Landesverband Bayern und der Betrieblichen Suchtprävention Franz J.D.
Miehle
(Augsburg) hat die Caritas ein neues Programm für
die Suchtprävention für junge Leute in Betrieben entwickelt. Unter dem Titel
„Top on Job“ will man mit Hilfe geschulter Auszubildender und unter Beratung
durch die Caritas eine selbständige Präventionsarbeit im Betrieb durch die
Jugendlichen selbst aufbauen. Prälat
Zerrle
: „Es
hilft nach unseren Erfahrungen wenig, mit erhobenem Zeigefinger oder mit
Drohungen auf die jungen Leute zuzugehen. Gleichaltrige werden von ihnen eher
akzeptiert.“ Der Ausbildungsbereich im betrieblichen Umfeld biete neben der
Schule eine ideale Gelegenheit zur Suchtprävention und Frühintervention bei
Jugendlichen. Hintergrund des Projekts ist, so
Zerrle
eine bedrohliche Entwicklung in der Gesellschaft, die auch vor den Betrieben
nicht Halt mache: „Der Alkoholkonsum Jugendlicher entwickelt sich dramatisch.
Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt inzwischen bei zwölf Jahren. Studien
belegen: Je frühzeitiger der Alkoholkonsum, desto größer das Risiko der
Abhängigkeit.“
Bereits
jeder zehnte 15-Jährige ist alkoholabhängig.
Bausteine des Programms
Ziel des Projekts „Top on Job“ ist es, eine Jugendgruppe im Betrieb
aufzubauen und zu Tutoren auszubilden, die unter Anleitung und Unterstützung
selbstständige Präventionsarbeit
mit
suchtgefährdeten Gleichaltrigen leistet. Diese Peergroup soll Anlaufstelle für
betroffene Kolleginnen und Kollegen sein, Beratung und Hilfestellung leisten,
eigene Präventionsprojekte im Betrieb aufbauen sowie mit externen
Suchthilfestellen zusammenarbeiten. Die Arbeit der Jugendlichen erfolgt
weitgehend selbstständig. Beratende Unterstützung durch externe Berater können
die Jugendlichen
hinzuziehen.
In Workshops soll Auszubildenden ein Freiraum
zur Verfügung stehen, der sie dabei unterstützt, sich mit ihrem Lebensalltag
und ihrer Lebenssehnsucht aktiv auseinander zu setzen. Theater und Spielszenen
laden ein, der eigenen schöpferischen Entfaltung Raum zu geben, um konkrete
Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und zu fördern. Vermittelt werden
Informationen über Hintergründe und Ursachen von Süchten, verantwortungsvolles
Handeln hinsichtlich des Gebrauchs von Suchtmitteln, Training der
Standfestigkeit gegen sozialen Druck und Problemlösungsfähigkeiten. Außerdem
werden inner- und außerbetriebliche Hilfen aufgezeigt.
Zahlen
Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren
sind etwa fünf Prozent aller Bundesbürger suchtkrank. 10,4 Millionen
praktizieren einen riskanten Alkoholkonsum, davon 1,7 Millionen
missbräuchlichen und 1,7 Millionen abhängigen Konsum, der einer Behandlung
bedarf. Etwa fünf bis acht Prozent der Beschäftigten eines Unternehmens sind
alkoholabhängig und weitere zehn Prozent alkoholgefährdet. Bei 20 bis 30
Prozent aller Arbeitsunfälle spielt Alkohol eine Rolle. Für die Betriebe ist
die Suchtproblematik ihrer Mitarbeiter also ein erheblicher Risikofaktor.
Der
volkswirtschaftliche Schaden der dadurch entsteht, liegt nach Schätzungen der
Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zwischen 20 und 40 Milliarden Euro pro
Jahr.
Alkoholmissbrauch spielt auch eine Rolle bei
Fehlzeiten und beeinträchtigt die Arbeitsleistung. Kündigung, so der Landes-
Caritasdirektor
, sei ebenso wenig ein verantwortbarer Weg
wie das Wegsehen und Verschweigen. Die Caritas empfiehlt eigene
Suchtpräventionsprogramme, wie sie in verschiedenen Betrieben schon
existieren.
Diese Programme enthalten
Regeln für den Umgang der Vorgesetzten mit suchtkranken Mitarbeitern. Dabei
wird meistens in einem Stufensystem festgelegt, dass sich der betroffene
Mitarbeiter in einem bestimmten Zeitraum einer Therapie zu unterziehen und an
bestimmte Regeln (kein Alkohol im Betrieb, Teilnahme an Gesprächskreisen,
regelmäßiger Kontakt zu seinem Vorgesetzten) zu halten hat. Eine Kündigung
erfolgt als allerletzte Maßnahme. Auch die größeren Einrichtungen der Caritas
haben mit ihrer Mitarbeitervertretung solche Betriebsvereinbarungen
abgeschlossen.
Die Vorteile für die
Unternehmen liegen erfahrungsgemäß in der Verbesserung im sozialen Klima, der
höheren Zufriedenheit der Belegschaft und größerer Wirtschaftlichkeit durch
Kostenersparnis, etwa wegen der Reduzierung der Fehlzeiten und Steigerung der
Arbeitsleistung.
Neues
Verständnis von Sucht
Der
Suchtexperte Franz
Miehle
(Augsburg) erläuterte bei
der Veranstaltung, Sucht sei nicht als persönliches Versagen des einzelnen
Menschen zu werten, sondern
als ein
Versuch, sich mittels der Wirkung eines Suchtmittels an als belastend empfundene
Lebensbedingungen anzupassen und vermeintlich eine seelische Balance zu finden.
Miehle
: „Leidet ein Mensch längere Zeit unter hohen
inneren Spannungen und Belastungen von außen und stehen ihm keine oder zu wenig
erlernte Verhaltensmöglichkeiten zur Spannungsverminderung und Konfliktlösung
zur Verfügung, so greift er auf einen einmal als hilfreich empfundenen
Spannungslöser zurück. Suchtmittel, aber auch bestimmte Verhaltensweisen, wie
z.B. Spielen oder Essen, übernehmen häufig diese Funktion.“
Weitere Informationen
:
Hilde Rainer-Münch, Referentin Fachbereich Sucht
Tel: 089-54497 170,
hilde.rainer-muench@caritas-bayern.de