URL: www.caritas-bayern.de/beitraege/fuer-jeden-die-richtige-sprache-finden/1132110/
Stand: 28.01.2016

Konkrete Hilfe

Gebärdensprache und mehr

Für jeden die richtige Sprache finden

Die gesamte Palette der Alternativen und Ergänzungen zur Lautsprache kommen bei der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie in Fulda zum Einsatz. Unterstützte Kommunikation (UK) heißt der Fachbegriff, das Ziel ist, jedes Mittel zu nutzen, wenn es dem Dialog hilft: über Fotos, Symbole, Gebärden oder auch elektronische Hilfsmittel. Alle betreuenden Mitarbeiter(innen) und alle Menschen mit Behinderung sollen – so die Maßgabe in Fulda – miteinander und untereinander kommunizieren können.

Unterstützte Kommunikation wird aktiv gelebt

Plakat mit Fotos zur GebärdenspracheEines von mehreren Themenplakaten zum einfachen Erlernen von Gebärden.Caritas Fulda

Für Gehörlose, Menschen mit Hörbeeinträchtigungen oder mit Problemen, sich verständlich auszudrücken, sind Gebärden ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Doch solche Gebärden nutzen nur, wenn sie auch verstanden werden. An diesem Punkt setzt das Projekt wort.los der Behindertenhilfe Fulda an. "Wir gehen dabei ganz profan vor", unterstreicht Projektleiterin Melanie Odenwald. "Wir bieten Gebärden-Themenplakate, die es auf einfache und sehr anschauliche Art und Weise ermöglichen, Gebärden zu lernen. Jeden Monat kommt neues Vokabular hinzu. Wer möchte, kann sich einzelne Worte über Fototafeln aneignen. Und ehe man es sich versieht, kann man schon die ersten kleinen Gespräche mit Hilfe von Gebärden führen …" Das Projekt fördert neben dem Sich-mitteilen-Können die Selbstbestimmung der Betroffenen.

Mitmachen und Gebärden lernen

Auf der Online-Plattform www.wort-los-fulda.de werden die einzelnen "Gebärden des Monats" vorgestellt. Dort finden Sie auch die Themenplakate (sie können dort bestellt werden), die bestimmte Alltagssituationen wie etwa "Familie" in einzelnen Fotos mit Gebärden vorstellt – beim Thema Familie sind das Schlüsselworte wie "Mutter", "Opa" oder "Freund".

Um die Hürde zu verringern, das Gebärden auch wirklich miteinander zu nutzen, bietet Sozialarbeiterin Odenwald mittlerweile wöchentlich einen "Gebärdenchor" an, bei dem Lieder und Schlager nach Wahl der Gruppe gemeinsam gebärdet werden.

Einfache Sprache, Piktogramme und das "Ich-Buch"

Weitere Maßnahmen im Rahmen der Unterstützten Kommunikation sind zum Beispiel die umfassende Umsetzung der "Einfachen Sprache" bei Dokumenten und Veröffentlichungen, sowie eine einheitliche Beschilderung: Neben geschriebenen Worten sind auf Schildern auch Bilder, Piktogramme und unterschiedliche Farben abgebildet – die Botschaft jedes Schildes ist also gleich mehrfach auf unterschiedlichste Weise herauszulesen – je nachdem, ob man besser Buchstaben oder andere Signale versteht.

Junge Frau in WerkstattUnterstützte Kommunikation zielt darauf ab, dass jeder individuell mit jedem kommunizieren und gut der Kommunikation folgen kann. KNA - Deutscher Caritasverband e. V.

Darüber hinaus hat jeder Mensch mit Behinderung die Möglichkeit, für sich ein "Ich-Buch" anzulegen. Der Eigentümer dieses Buches kann mit Fotos, Bildern, Worten und Symbolen  Informationen für sein Gegenüber festhalten. Das "Ich-Buch" dient dazu, sich selbstständig vorzustellen und von sich selbst zu erzählen. Es kann erweitert werden, um zum Beispiel die aktuelle Stimmung mitzuteilen oder Wünsche zu äußern.

Einige der Menschen mit Behinderung verfügen mit einem Sprechcomputer – so genanntem "Talker" – digital über ein solches "Ich-Buch". Hier können Aussagen nicht nur bildlich gezeigt, sondern auch in die Lautsprache übertragen werden. "Die Ich-Bücher sind neben den Gebärden eine zweite Methode der Unterstützten Kommunikation", unterstreicht Sozialarbeiterin Melanie Odenwald. "Wir haben hier viele Werkstatt-Mitarbeiter(innen) mit einem solchen Buch. Die `Talker´ reichen darüber hinaus. Sie können auch komplexere Kommunikationswege eröffnen. Das ist aber zugegebenermaßen nicht für jeden etwas. Wir müssen immer ganz individuell hinschauen und unterschiedliche Methoden anbieten und kombinieren."

Links

Interview

Kommunikationshilfe

Brücken bauen zur Verständigung

Sozialcourage

Kommunikation

Mit dem Talker lässt sich auch scherzen

Service

Menschen mit Behinderung

Wohnen, wo und wie es mir gefällt

Im Porträt

Individuelle Hilfe

Selbstbestimmt leben mit Persönlicher Assistenz

Eine Frau hilft einer Frau mit Behinderung beim Essen.Verena Wiedmann ist der Meinung, dass es einfacher ist, sich früh aus der Familie zu lösen: „Irgendwann können die Eltern ihr Kind nicht mehr pflegen“.Ulrike Seifart

Wer Verena Wiedmann (41) und Eva Schöllhorn (33) zusammen erlebt, sieht ein eingespieltes Team. Einen Blick, eine knappe Aufforderung, ein Wortspiel, das nur die beiden verstehen. Jeder Handgriff von Eva Schöllhorn sitzt, und viele der Tätigkeiten, die sie für Verena Wiedmann ausübt, bleiben unkommentiert. Sie zieht ihr die Schuhe an und schnürt sie zu, richtet den Rollstuhl aus, führt den Löffel zum Mund und legt die Hände in eine bequemere Lage. Verena Wiedmann leidet unter Muskeldystrophie, kann Arme und Beine nicht bewegen, sitzt im Rollstuhl und wird beatmet. Eva Schöllhörn ist seit drei Jahren als Persönliche Assistenz bei ihr angestellt.

"An meinem Leben ist nichts Besonderes"

Insgesamt neun Assistenten, acht Frauen und ein Mann, begleiten die schwerbehinderte Frau durch den Alltag in ihrer Zweizimmerwohnung in Eppelheim bei Heidelberg. In Schichten wird sie rund um die Uhr betreut und unterstützt beim Aufstehen, Essen, Arbeiten, Haushalterledigen, Einkaufen, Freizeitgestalten, Schlafengehen. "Mein Leben unterscheidet sich nicht so sehr von dem eines Nichtbehinderten", fasst Verena Wiedmann zusammen. "Viele meinen, bei mir müsse etwas speziell sein. Ich wüsste nicht, was an meinem Leben besonders ist."

Das Besondere mag für Außenstehende die Überlegung sein, wie sie ihren Alltag mit den körperlichen Einschränkungen bewältigt. In der Praxis sieht das so aus, dass Verena Wiedmann ihrer Assistenz genaue Anweisungen gibt. Sie ruft, wenn sie Durst hat oder im Rollstuhl aufgerichtet werden möchte, bestimmt, wie groß das Gemüse geschnitten und wann im Topf gerührt werden soll.

Sie weiß, was sie will oder was sie eben nicht will. Für die Assistenz bedeutet das mitunter, ein dickes Fell mitzubringen. "Niemand ist immer gut drauf, und man darf nicht alles persönlich nehmen", sagt Assistentin Eva Schöllhorn, die auch schon ihre Erfahrungen mit den Stimmungsschwankungen ihrer Chefin gemacht hat. "Am Anfang war ich immer hinter ihr her und wollte sie bemuttern. Einmal habe ich sogar für sie gesprochen, da war sie dann richtiggehend pikiert", erinnert sie sich lachend.

Selbstständigkeit als Selbstverständnis

Seitenansicht einer Frau mit AtemmaskeDass ihre Familie weiter entfernt wohnt, findet Wiedmann gut. „Hier redet mir keiner rein oder guckt spontan vorbei“, meint sie schmunzelnd.Ulrike Seifart

Für die studierte Biologin Wiedmann, die mehr als acht Jahre als Naturwissenschaftlerin am Paul-Ehrlich-Institut tätig war, ist Selbstständigkeit ein hohes Gut. Bereits als junges Mädchen war ihr klar, dass sie früh aus dem Elternhaus raus möchte. Gleich nach dem Abitur an der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd suchte sie eine Wohnung und wurde in Eppelheim fündig. Seither lebt sie mit der Persönlichen Assistenz.

Eine gemeinsame Wellenlänge zu haben, das sei ein Optimum, aber nicht immer gegeben. Nicht jede Assistenz eigne sich für alle Unternehmungen, sagt Wiedmann und spielt damit vor allem auf ihre Interessen an. Regelmäßig geht sie auf Konzerte, trifft Freunde, ist Gasthörerin an Vorlesungen oder besucht Kochkurse. Und sie engagiert sich für die Belange von Menschen mit Behinderung. Mit Eva Schöllhorn an der Seite war sie auf Demos und Flashmobs zum Bundesteilhabegesetz. "Wir haben dafür gekämpft, dass es ein gutes Gesetz wird", sagt sie mit Nachdruck. Dass beispielsweise die Assistenz als Sozialleistung unabhängig vom Einkommen des Menschen mit Behinderung geleistet wird und dadurch behinderte Arbeitnehmer den nichtbehinderten gleichgestellt werden. Noch konnte den Wünschen nicht vollumfänglich entsprochen werden, doch Wiedmann ist optimistisch und macht weiter. Sie arbeitet ehrenamtlich im Vorstand des Vereins "Individualhilfe für Schwerbehinderte" in Heidelberg und übernimmt einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Den Menschen zu zeigen, dass eine Persönliche Assistenz eine Alternative zu Familie und Wohnheim darstellt, ist ihr ein großes Anliegen. "Die Assistenz ermöglicht mir, mein Leben selbst zu gestalten", so ihr Resümee.

Links

Gut zu wissen

Persönliches Budget

Selbst bestimmen, wer wie hilft

Konkrete Hilfe

Gebärdensprache und mehr

Für jeden die richtige Sprache finden

Copyright: © caritas  2019