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Stand: 28.01.2016

Interview

Kommunikationshilfen

Was ist Unterstützte Kommunikation?

Drei Frauen mittleren AltersElfi Holländer (59) und ihre Kolleginnen Johanna Voltz und Sandra Weisenbacher von der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation (BUK) des Kinderzentrums Ludwigshafen.Ulrike Seifart

Frau Holländer, was ist Unterstützte Kommunikation?

Unterstützte Kommunikation hilft Menschen, denen entweder die Sprache fehlt oder die sich nur undeutlich äußern können. Verschiedene Hilfsmittel ermöglichen dann die Kommunikation und damit die Teilhabe an der Gesellschaft.

Wer genau sucht bei Ihnen Hilfe?

Zu uns kommen Personen, die nie oder nur eingeschränkt die Lautsprache gelernt haben. Oft sind das Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung. Es kommen aber auch Erwachsene, die sich beispielsweise nach einem Schlaganfall oder Unfall nur noch unverständlich äußern können.

Es geht also darum, sich dem Umfeld verständlich mitteilen zu können?

Ja, aber nicht nur. Manche Menschen können auch die Signale ihres Umfelds nicht richtig deuten, so zum Beispiel bei Autismus. Es geht also ebenso darum, zu verstehen, was der andere sagt und meint.

Und wie genau können Sie die Betroffenen unterstützen?

Mit den bereits erwähnten Hilfsmitteln. So haben wir unseren Körper und können durch Gesten und Mimik schon viel "sagen", beispielsweise "Hände von sich weg schieben" als Ablehnung. Das sind Mittel, die gut im engen Umfeld funktionieren. Sobald der Betreffende aber nach draußen geht, stößt er schnell an Grenzen. Dafür gibt es weitere Hilfsmittel, wie Mappen mit Symbolen, auf die gedeutet wird, oder elektronische Geräte, wie den Talker, der einem Tablet ähnelt. Auf diesem befinden sich Symbole oder Worte, die einzeln gedrückt werden, und das Gerät gibt einen hörbaren Satz aus. Auch Augensteuerung ist bei einer Körperbehinderung mittlerweile möglich. Alle Hilfsmittel werden für die Betroffenen und ihr Umfeld individuell zusammengestellt.

Ein Touch-Bildschirm zum SprachverständnisBrücken bauen zur Verständigung – auch mit elektronischen Hilfsmitteln.Ulrike Seifart

Wie aber stellen Sie fest, was der Betroffene will, wenn er sich doch gar nicht äußern kann?

Durch Beobachtung. Der Blick, die Atmung und die Körperhaltung verraten uns, was auf Zustimmung oder Ablehnung stößt.

Gibt es Personengruppen, für die Unterstützte Kommunikation nicht geeignet ist?

Nein. Egal welchen Alters und in welcher Ausgangslage: Man kann den Menschen immer in seiner Kommunikation unterstützen.

Wie erfolgreich sind die Maßnahmen?

Sehr erfolgreich, denn wir bauen Brücken. Ich erlebe Kinder, denen sich mit der Unterstützten Kommunikation eine neue Welt erschließt. Das ist dann immer ein ganz besonders schönes Erlebnis für beide Seiten. Kinder mit Sprachverzögerung können nach zwei bis drei Jahren den Rückstand zu ihren Altersgenossen aufholen. Doch auch ältere Menschen blühen regelrecht auf. Denn wenn ich nicht verstanden werde, führt das zu Missverständnissen, Frustration, Isolation oder gar Depressionen.

Wichtig ist aber das Umfeld. Ohne dessen Mitwirkung geht es gar nicht. Die Hilfsmittel müssen konsequent von beiden Seiten erlernt und im Alltag angewandt werden.

Wer finanziert die Unterstützte Kommunikation?

Das ist auf Länderebene geregelt. Die Beratung und die Ermittlung des Bedarfs werden meist von der Eingliederungshilfe oder der Krankenkasse finanziert. Die Hilfsmittel übernehmen im Allgemeinen die Krankenkassen.

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Eine Frau hilft einer Frau mit Behinderung beim Essen.Verena Wiedmann ist der Meinung, dass es einfacher ist, sich früh aus der Familie zu lösen: „Irgendwann können die Eltern ihr Kind nicht mehr pflegen“.Ulrike Seifart

Wer Verena Wiedmann (41) und Eva Schöllhorn (33) zusammen erlebt, sieht ein eingespieltes Team. Einen Blick, eine knappe Aufforderung, ein Wortspiel, das nur die beiden verstehen. Jeder Handgriff von Eva Schöllhorn sitzt, und viele der Tätigkeiten, die sie für Verena Wiedmann ausübt, bleiben unkommentiert. Sie zieht ihr die Schuhe an und schnürt sie zu, richtet den Rollstuhl aus, führt den Löffel zum Mund und legt die Hände in eine bequemere Lage. Verena Wiedmann leidet unter Muskeldystrophie, kann Arme und Beine nicht bewegen, sitzt im Rollstuhl und wird beatmet. Eva Schöllhörn ist seit drei Jahren als Persönliche Assistenz bei ihr angestellt.

"An meinem Leben ist nichts Besonderes"

Insgesamt neun Assistenten, acht Frauen und ein Mann, begleiten die schwerbehinderte Frau durch den Alltag in ihrer Zweizimmerwohnung in Eppelheim bei Heidelberg. In Schichten wird sie rund um die Uhr betreut und unterstützt beim Aufstehen, Essen, Arbeiten, Haushalterledigen, Einkaufen, Freizeitgestalten, Schlafengehen. "Mein Leben unterscheidet sich nicht so sehr von dem eines Nichtbehinderten", fasst Verena Wiedmann zusammen. "Viele meinen, bei mir müsse etwas speziell sein. Ich wüsste nicht, was an meinem Leben besonders ist."

Das Besondere mag für Außenstehende die Überlegung sein, wie sie ihren Alltag mit den körperlichen Einschränkungen bewältigt. In der Praxis sieht das so aus, dass Verena Wiedmann ihrer Assistenz genaue Anweisungen gibt. Sie ruft, wenn sie Durst hat oder im Rollstuhl aufgerichtet werden möchte, bestimmt, wie groß das Gemüse geschnitten und wann im Topf gerührt werden soll.

Sie weiß, was sie will oder was sie eben nicht will. Für die Assistenz bedeutet das mitunter, ein dickes Fell mitzubringen. "Niemand ist immer gut drauf, und man darf nicht alles persönlich nehmen", sagt Assistentin Eva Schöllhorn, die auch schon ihre Erfahrungen mit den Stimmungsschwankungen ihrer Chefin gemacht hat. "Am Anfang war ich immer hinter ihr her und wollte sie bemuttern. Einmal habe ich sogar für sie gesprochen, da war sie dann richtiggehend pikiert", erinnert sie sich lachend.

Selbstständigkeit als Selbstverständnis

Seitenansicht einer Frau mit AtemmaskeDass ihre Familie weiter entfernt wohnt, findet Wiedmann gut. „Hier redet mir keiner rein oder guckt spontan vorbei“, meint sie schmunzelnd.Ulrike Seifart

Für die studierte Biologin Wiedmann, die mehr als acht Jahre als Naturwissenschaftlerin am Paul-Ehrlich-Institut tätig war, ist Selbstständigkeit ein hohes Gut. Bereits als junges Mädchen war ihr klar, dass sie früh aus dem Elternhaus raus möchte. Gleich nach dem Abitur an der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd suchte sie eine Wohnung und wurde in Eppelheim fündig. Seither lebt sie mit der Persönlichen Assistenz.

Eine gemeinsame Wellenlänge zu haben, das sei ein Optimum, aber nicht immer gegeben. Nicht jede Assistenz eigne sich für alle Unternehmungen, sagt Wiedmann und spielt damit vor allem auf ihre Interessen an. Regelmäßig geht sie auf Konzerte, trifft Freunde, ist Gasthörerin an Vorlesungen oder besucht Kochkurse. Und sie engagiert sich für die Belange von Menschen mit Behinderung. Mit Eva Schöllhorn an der Seite war sie auf Demos und Flashmobs zum Bundesteilhabegesetz. "Wir haben dafür gekämpft, dass es ein gutes Gesetz wird", sagt sie mit Nachdruck. Dass beispielsweise die Assistenz als Sozialleistung unabhängig vom Einkommen des Menschen mit Behinderung geleistet wird und dadurch behinderte Arbeitnehmer den nichtbehinderten gleichgestellt werden. Noch konnte den Wünschen nicht vollumfänglich entsprochen werden, doch Wiedmann ist optimistisch und macht weiter. Sie arbeitet ehrenamtlich im Vorstand des Vereins "Individualhilfe für Schwerbehinderte" in Heidelberg und übernimmt einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Den Menschen zu zeigen, dass eine Persönliche Assistenz eine Alternative zu Familie und Wohnheim darstellt, ist ihr ein großes Anliegen. "Die Assistenz ermöglicht mir, mein Leben selbst zu gestalten", so ihr Resümee.

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